Mobilität, Transport, Logistik

Interview mit Dr. Anke Jurleit, Expertin für urbane Nachhaltigkeits- und Klimastrategien bei Drees & Sommer, über die Folgen des Klimawandels für urbane Zentren.

Vor welche Herausforderungen stellt der bereits heute stattfindende Klimawandel Städte und urbane Gebiete?

Die Folgen des Klimawandels sind in Städten tendenziell stärker spürbar als auf dem Land. Das hat viele Gründe. Beispielsweise ist es so, dass die Menge an abfließendem Niederschlagswasser desto größer ausfällt, je mehr Fläche überbaut ist. Das Wasser kann dann einfach nicht mehr auf natürlichem Weg versickern. Es sind daher vor allem innerstädtische Quartiere, die bei Starkregen gefährdet sind, weil die Kanalisation wegen der hohen Flächenversiegelung und der damit einhergehenden größeren Mengen an abzuleitendem Wasser überlastet ist.

Darüber hinaus verstärkt eine dichte Bebauung den sogenannten Wärmeinseleffekt. Bebaute Flächen weisen in den Innerstädten dauerhaft höhere Temperaturen als das Umland auf. Tagsüber heizen sie sich stärker auf, nachts geben sie die Wärmestrahlung nur sehr langsam wieder ab. Der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland kann leicht bis zu fünf Grad Celsius betragen!

Gibt es besondere Probleme, die für Kommunen hierzulande bzw. in Mitteleuropa vordringlich anzugehen sind?

Wir müssen uns bei Planungs- und Bauvorhaben verstärkt mit der Überflutungs- und Hitzevorsorge beschäftigen. Für Kommunen bedeutet das, drei Themenblöcke integriert anzugehen: Stadt- und freiraumplanerische Programme, alternative verkehrsplanerische Konzepte sowie leitungsgebundene Infrastrukturplanungen. Um eine wasser- und klimasensible Planung umsetzen zu können, bedarf es der engen Zusammenarbeit aller an diesen Themen beteiligten Disziplinen. Dazu zählen Spezialisten aus der Stadt-, Freiraum- und Verkehrsplanung, der Siedlungswasserwirtschaft sowie der Architektur.

Jedoch sehe ich eine große Herausforderung in der oft noch starken Segmentierung der behördlichen Fachbereiche. Wir müssen daher unbedingt kompakte Kompetenzcluster schaffen, wenn wir eine integrierte Planung wollen.

Wie sieht der Lösungsansatz von Drees & Sommer aus?

Wir befassen uns sowohl mit direktem Klimaschutz (Mitigation) als auch mit der Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels (Adaption). Dominierte in den ersten Jahren der Klimadebatte die Diskussion um die Verringerung des CO2-Ausstoßes - etwa durch energieeffiziente Gebäude -, so steht in letzter Zeit vor dem Hintergrund der häufiger werdenden Extremwetterereignisse zunehmend die Frage der Anpassung der Städte im Vordergrund.

Drees & Sommer ist schon früh in dieses Geschäftsfeld eingestiegen. Vor allem waren und sind wir bei der Erstellung kommunaler Klimaschutzkonzepte dabei. Darin geht es auch um Anpassungsmaßnahmen, die mehr und mehr mithilfe von Fördergeldern ins Rollen kommen. Anpassung bedeutet konkret: Planen, Bauen und Betreiben! Wir können Sie hierbei vielfach unterstützen: etwa im Hochbau, beim Hochwasserschutz oder auch bei klassischen Steuerungsaufgaben. Auch spezielle Klima-Checks bieten wir an, um Risiken für Kommunen und Liegenschaften frühzeitig beurteilen zu können. Anhand eines individuellen Risikoprofils können wir dann geeignete Handlungsempfehlungen und Kosten/Nutzen- Analysen aussprechen.

Wie wichtig ist die Vernetzung von Mitigation und Adaption?

Zwischen beiden Ansätzen gibt es Wechselwirkungen. Deshalb berücksichtigen wir bei unseren Projekten sowohl Mitigations- als auch Adaptationsmaßnahmen. Als Beispiel: So fördert die Stadt Hamburg private Dachbegrünungen. Grüne Dächer verbessern das Mikroklima, indem sie Schadstoffe filtern, bei Hitze kühlen und im Fall einer Intensivbegrünung Starkregen abpuffern. Das alles sind Komponenten einer Anpassungsstrategie an ein sich veränderndes Klima. Gleichzeitig sparen solche Dächer bei entsprechender Isolierung effektiv Heizenergie und Heizkosten und verringern den CO2-Ausstoß. Sie leisten also einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz!

Grüne Dächer sind jedoch nur eine Komponente. Bei Drees & Sommer berücksichtigen wir diesen Gesamtzusammenhang unter dem Motto "Blue City - Integrated Urban Solutions", wobei wir ganz unterschiedliche Einflüsse berücksichtigen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass erst in der Kombination von Maßnahmen etwa beim Verkehr, der Digitalisierung, sozialen Strukturen und den öffentlichen Finanzen Resilienz entsteht. Darunter verstehen Klimaexperten so viel wie 'Robustheit', 'Anpassungsfähigkeit' oder die Flexibilität von Systemen bei Schocks. Resilienz funktioniert nur dann, wenn alle technischen, infrastrukturellen und sozialen Systembausteine der Stadt verstanden und integriert betrachtet werden, sodass am Ende eine Win-win-Situation entsteht.

In welchen Projekten arbeitet Drees & Sommer momentan? Wie sieht dabei der typische Prozess, wie der Mehrwert aus, den das Unternehmen für seine Kunden generiert?

Beim Klimaschutz sind es in erster Linie unsere Engineering-Experten, die sich mit energieeffizienten Gebäuden befassen. Im Bereich Klimaanpassung haben wir Kopenhagen mittels einer 'Second Opinion Review' beraten. Nachdem die Stadt 2011 durch ein heftiges Starkregenereignis wirtschaftlichen Schaden genommen hat, entschloss sie sich noch im selben Jahr zu einem tiefgreifenden Stadtumbau: Straßen, U-Bahn-Verbindungen, Plätze, die Promenade und der Hafen werden in insgesamt 236 Einzelprojekten über die nächsten 20 Jahre umgebaut. Ein solch massives Projektvolumen bedeutet einen hohen Koordinationsaufwand, den wir hinsichtlich Kostenstruktur, Planungs- und Innovationsgrad, organisatorischer und institutioneller Aufstellung begleitet haben.

Weitere Leistungen bei derartigen Projekten sind das Multiprojektmanagement mit Termin- und Kostencontrolling-Aufgaben und das Management von Fördermitteln. Außerdem entwickeln wir Monitoring- und Evaluationsprozesse, führen diese ein und koppeln sie mit einer transparenten Bürgerbeteiligung.

Auf Quartiersebene und für industrielle Liegenschaften entwickeln wir außerdem gerade einen "Wasseraudit", mit dem sich die Potenziale der dezentralen und gebäudeintegrierten Wasserver- und entsorgung identifizieren lassen. Dadurch können sich Quartiere und Unternehmen wirksam vor Schwankungen in der Wasserverfügbarkeit und vor Überschwemmung im Falle eines Starkregenereignisses schützen.